25 // Politische Geburtstagsgedanken & ein Aufruf

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Heute bin ich 25 Jahre alt geworden. Ein viertel Jahrhundert auf dieser verrückten Erde, in diesem noch viel verrückterem Universum. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich auf einer persönlichen Ebene wohl noch nie so optimistisch ins neue Lebensjahr geblickt habe. Und gleichzeitig so düstere Zeiten erahnt habe. Was sich in den letzten Wochen, Monaten, Jahren politisch abgespielt hat und nun unumstößlich Jedermanns Realität geworden ist, statt eine dunkle Bedrohung, ändert mein Leben unweigerlich. Ich habe noch nie in meinem Leben mit so vielen Menschen über Politik gesprochen, wie im letzten Jahr. Mein Geburtstagstag fällt nämlich zufälligerweise auch auf die Ereignisse von Paris im Jahr 2015. Danach hat sich, zumindest gefühlt, sehr, sehr viel verändert. Politische Diskussionen und Positionen sind wenigstens am Küchentisch wieder salonfähig geworden. So gefragt, dass ich zeitweise sogar das Gefühl hatte, dass wir nur noch reden, um zu reden. Um politisch zu sein. Zumindest im Privaten. Wir sind eine deutsche Generation, die so darauf fokussiert ist, dass sich die Schreckenstaten des 20. Jahrhunderts nicht wiederholen, dass es uns fast unmöglich ist, kritisch zu sein. Unsere politische Einstellung zur Flüchtlingskrise ist schwarz oder weiß. Alles im Graubereich ist bereits nationalsozialistisches Gedankengut. Wir sind so weltoffen, reisen in ferne Ländern, spüren den sogenannten Weltschmerz, dass wir darüber vergessen haben, vor der eigenen Türe mal nachzusehen. Na klar, im Vergleich zur Gesamtsituation leben wir hier in Deutschland im reinsten Schlaraffen-Miteinander. Wir haben so lange eingetrichtert bekommen, dass jeder Mensch „gleich“ ist, dass wir blind geworden sind, Unterschiede zu erkennen, zu benennen und wertzuschätzen und daraus Kapital zu schlagen (eine bescheuerte Redewendung). Wir diskutieren mit Gleichgesinnten, aber sind eingeschüchtert, sobald jemand mehr Wissen hat. Nachfragen, und damit Schwäche in Form einer Wissenslücke zeigen, ist unvorstellbar. Wir reden zwar miteinander, aber wir bringen nichts hervor. Leere Worte. Überlegt euch mal wie viel Wissen in allen Menschen steckt. Wir können so viel voneinander lernen. Wir müssen uns nur trauen. In weit entfernten Ländern scheint das einfach zu sein, aber in unserer unmittelbaren Nähe erfahren wir Hemmung.

Ich habe in den letzten Tagen mit so vielen Freunden gesprochen, diskutiert und alle waren der gleichen Meinung (surprise): die Zeiten, in denen wir unpolitisch das Leben genossen haben, sind vorbei. Hier geht es in erster Linie, um die Zukunft unserer Generation. Ich bin vollkommen überfragt, wie wir daran gehen sollten. Arbeitsgruppen gründen, Parteien beitreten und mitmischen, politische Aktionen organisieren, sich für ein Thema einsetzen und dabei bleiben? Ich bin überfragt, bin ich doch nicht in der Lage zu priorisieren: welches Problem ist denn nun am wichtigsten? Kann ich das überhaupt alleine entscheiden? Wie nutze ich am meisten? Der gemeinsame Tenor all’ dieser Gespräche war eigentlich, dass wir uns irgendwie verbinden, zusammentun müssen. Gruppenarbeit. Auf Facebook verbunden sein und Artikel posten reicht einfach nicht mehr. Damit erreichen wir nur die, die bereits unsere Meinung teilen. Und hier geht es auch überhaupt nicht darum, „andere“ von unserer Meinung zu überzeugen, sondern erst einmal festzustellen, durch kritisches Hinterfragen und die Auseinandersetzung mit anderen Sichten, in wie weit unsere Meinung überhaupt stimmt und inwieweit wir wirklich eine Meinung haben. Also lange Rede kurzer Sinn: ich würde gerne etwas machen, nur was, das weiß ich nicht. Als Grundproblem dieser ganzen Unternehmung sehe ich, für meinen Teil, dass ich persönlich eigentlich gar keine Vision habe. Ich habe eine vage Ahnung von den Werten, die ich in Zukunft gerne etablierter sehen möchte, als Grundpfeiler unserer Gesellschaft sozusagen. Aber da hört es auch schon auf und das obwohl ich sonst wohl als fantasiereich beschrieben werden könnte. Woran liegt das? Daran, dass ich einfach keine Ideen habe? Dass es mir in meiner Blase gut geht? Dass ich nie dazu aufgefordert wurde über die Zukunft zu träumen? Dass ich die Formulierung von idealistischen Ideen mit einer populistischen Politik verknüpfe oder selbst denke, dass sich Ideale einfach nicht lohnen, werden sie doch sowieso nie erreicht. Gott bewahre, als Unrealist will man heutzutage nun wirklich nicht abgestempelt werden bei unserer ganzen Vernunft. Aber Ideale sind notwenig, um für etwas zu kämpfen. Ja, ohne sie funktioniert es vielleicht überhaupt nicht. Ich würde es mit diesen Idealen dann nach einem Kant’schen Konzept halten auf dass ich kürzlich gestoßen bin: der regulativen Idee. Das Ideal als Motor meines Handels, als Kontrolleur und Antreiber, als Maxime, die aber niemals, und darüber muss ich mir bewusst sein, hundertprozentig erreicht werden kann. Dieses Kant’sche Prinzip finde ich spannend, ist es doch so realistisch aber gleichzeitig auch konträr zu unseren Ansprüchen: „alles geben oder nichts“, hat sich mittlerweile doch zu „alles erreichen oder nichts“ entwickelt. Ohne die Aussicht auf voller Linie Erfolg zu haben packen wir heute nur noch wenig an. Und daraus ergeben sich zwei Fragen: ist das nicht das unrealistischeste von allen? Und wo ist dieses Selbstvertrauen, dass wir anscheinend in anderen Unternehmungen aufbringen können, um an ihre maximale Erreichbarkeit zu glauben, in unserem politischen Engagement?

Ich denke es würde uns alles gut tun, hier mal wieder ein bisschen verrückter zu werden, zu fantasieren und uns die schönste Welt auszumalen, die wir uns vorstellen können. Eine in der wir gerne alt werden möchten, die wir voller Stolz eventuellen Nachkommen oder auch nur anderen Erdenmitbürgern, die noch nicht geboren sind, zeigen würden. Also, statt beim nächsten Dinner über erfolgsversprechende Start-Up Ideen zu philosophieren, nehmt doch mal die deutsche Politik unter eure Fittiche und fantasiert was das Zeug hält. Malt in den schönsten Farben und schreibt den krassesten fiktionalen Roman, den eure Köpfe hergeben.

Wer Lust hat über genau solche Visionen eine Kurzgeschickte, ein Essay, eine Idee, ein Interview, irgendetwas in geschriebener oder von mir aus auch gezeichneter Form einzureichen, das dann eventuell irgendwann in einem gedruckten Buch erscheint, der meldet sich bei mir. E-Mail Adresse: annapepperspray@gmail.com oder per FB.

15112016

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