„Einfach machen“ als Handlungsmaxime der Generation Y // Ein persönlicher Umgang und eine objektive Erklärung

Light blue sky with clouds, may be used as background

Ich habe jetzt also vor zwei Wochen angefangen Inhalte für diesen Blog zu schreiben. Oder eher andersherum: die Inhalte schreibe ich schon länger, wenn nicht schon mein ganzen Leben, doch nun habe ich mir ein Herz gefasst sie online zu stellen. Bei dem Gedanken sie hochzuladen, sie zur Kritik zu stellen, sie angreifbar zu machen, sie nicht direkt erklären zu können, verknotet sich mein Magen. Es fühlt sich an wie ein Seelenstriptees ohne Gleichen, wie nackt auf der Bühne festgeklebt zu sein. Und doch in zweiter Instanz genau richtig. Doch wieso gerade jetzt? „Mach doch einfach“ habe ich mir selbst schon unzählige Male gedacht und in naher Vergangenheit auch von Freunden zu hören bekommen, denen ich ein paar Texte gezeigt habe. „Mach doch einfach“ – es scheint schon fast unsere Pflicht zu sein, doch was soll daran einfach sein?

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht, aber ich saß im letzten Jahr übermäßig oft abends mit Freunden am Tisch und aus banalen Informationswechseln ergaben sich tiefe Unterhaltungen. Tiefe Unterhaltungen, die eigentlich immer eines als Kernthema hatten: wie verwirkliche ich mich selbst? Wie finde ich das was mich glücklich macht? Und wie setze ich das Gefundene dann auch noch in die Tat um? Eine Idee müsste man habe. Am Besten gemeinsam. Ein paar Jahre hart dafür arbeiten und danach nur noch die Sachen angehen, die einem wirklich am Herzen liegen. In dieser Erkenntnis lag meist der Unterhaltungshöhepunkt, die Gemüter erhitzt, die Wangen gerötet, die Flaschen Rotwein geleert, die Ideen wild im Raum herumwirbelnd. Glühend malten wir uns unsere Zukunft aus, den triumphalen Gewinnzug der Selbstverwirklichung. Doch dann kam die Ernüchterung. Die Distanz von unserem Küchentisch bis zu diesem Traumschloss war einfach zu groß, genauso wie die Zweifel, das Unwissen und das Ego. So wie der oder diejenige müssten wir es machen. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen all den Traumverwirklichern, die wir kannten war immer der: sie haben einfach gemacht. Geschichten wurden ausgetauscht und das „Machen“ schien so einfach, so greifbar. Als müsste man nur aufstehen, den Kopf ausschalten und befände sich dann in einer wunderbaren Endlosspirale der Selbstverwirklichung.

War ich am Anfang noch euphorisiert von dieser Aussicht und der Ideenturbo auf 180, kam die entgültige Ernüchterung nach dem dritten Abend, der sich wieder so ähnlich abgespielt hatte. Diese Wiederholung der Geschichten, das vor Augen führen des Erreichbaren übte einen Druck auf mich aus. Ohne dass ich etwas tat, fühlte ich mich als Versagerin. Ich bekam Angst, dass alle plötzlich machten, nur ich immer noch in meinem Zimmer saß und Instagram stalkte. Dass alle irgendwann erfolgreich seien, nur ich immer noch rumdümple und von allen Menüs des Lebens immer nur die Vorspeise koste. Ich hatte tatsächlich irgendwann das Gefühl, dass mir bei jeder Erfolgsstory von Freunden und Bekannten sowie Unbekannten zugleich ein Schuss Säure in die Magengegend gekippt wurde: noch einer weniger auf der Seite der Nicht-Macher.

Jetzt habe ich diesen Blog gestartet und man könnte meinen, das sei auch von heute auf morgen passiert.  Das Gegenteil ist der Fall, es ist das Ergebnis eines ziemlich langen Prozesses. Vor zwei Jahren circa habe ich angefangen öfter und regelmäßiger zu schreiben, vorerst nur für private Zwecke. Zur etwa gleichen Zeit war ich in der äußerst luxuriösen Position mit einem sogenannten Zukunftsberater ganze acht Sitzungen lang über nichts anderes als mich zu sprechen (ich bin übrigens dafür, dass sowas verpflichtend in jeder Schule eingeführt wird). Auch das „Schreiben“ gab ich als eine Leidenschaft an und man sagte mir, dass ich damit schon längst angefangen hätte, wäre es wirklich meine Passion. Für den Moment war ich damit irgendwo befriedigt, denn ich hatte ja vorher immer gehört „Wenn du etwas wirklich willst, dann machst du es auch“.

Und doch kam es immer mehr und immer stärker durch, vor allem mit der Übung kam der ungehinderte Schreibfluss, der er vorher immer zu einer Tortur hatte ausarten lassen. Ich kam zu dem Entschluss: auch Schreiben ist ein Handwerk, das erlernt werden kann. Wie oft habe ich mir im vergangenen Jahr überlegt, Texte hochzuladen, sie zu Zeitschriften zu schicken oder auch nur meinen Freunden zu zeigen. Und irgendwas hat mich innerlich immer aufgehalten. Ich habe Grund für Grund gefunden, all dies nicht zu tun. Aber wen wundert es denn auch? Ich als Prokrastinationskönigin und Zweiflerin. Ich bin quasi das Gegenteil des so stilisierten Machers. Fast schlimmer als die Tatsache, dass ich nicht zu meinen eigenen Texten stand, dass ich mich verrückt gemacht habe was andere darüber denken können, fand ich den proportional anwachsenden Druck endlich in die Pötte zu kommen. Und dieser Druck hat mich verrückt gemacht. Zuerst hat er mich getrieben und mich dumme Artikel schreiben lassen, hat mich WordPress Seiten erstellen lassen, die ich eigentlich kacke fand. Und alles nur, um einfach zu machen. Es ging tatsächlich nicht in erster Linie um den Inhalt, sondern nur darum zu machen. Hätte ich das so weitergetrieben, wäre der Erfolg dieses Blogs von der Anerkennung anderer abhängig gewesen. Irgendwann ist mir klar geworden, dass für mich persönlich nicht nur das „Ob“ sondern auch das „Wie“ zählt. Ich entschied es wichtiger zu finden es so zu machen, dass es sich gut anfühlt, statt ein reines Ventil für meinen Druckablass zu schaffen. Ich hatte mich kurzfristig abschrecken lassen, denn die Erklärung wieso ich nicht machte, passte zu dem was ich immer hörte. Doch nun sitze ich hier und schreibe diesen Blog. Weil manche Dinge ihre Zeit brauchen, um auch im Kopf zu reifen. Weil die meisten Dinge doch einer gewissen Übung bedürfen und einem nicht als Gottesgeschenk einfach so in den Schoß fallen. Weil Projekte an denen das Herz hängt, halt auch immer mit mehr persönlichem Risiko und damit Angst verbunden sind. Zwischen Gar nicht und Ganz liegen immer noch Millionen kleiner Zwischenschritte, die einen, wenn man denn dann geduldig ist, doch irgendwann zum Ziel bringen. Und wenn nicht, ist das auch okay.


Verrückterweise habe ich in der letzten Uniwoche einen Text gelesen bei dem es mir wie Schuppen von den Augen gefallen ist. Die bohrendste Frage in meinem Kopf, die Frage nach dem „Woher kommt dieser Leistungsdruck der uns zum Machen fast schon verpflichtet?“ wurde auf einmal beantwortet. Ich kann diesen Text wirklich jedem einzelnen wärmstens ans Herz legen. WÄRMSTEN! Die entscheidende Phase befindet sich auf Seite 42, unter 3. Der Aufsatz schafft natürlich keine Lösung für das Grundproblem, aber er erklärt die Herkunft des Drucks. Und das ist, finde ich persönlich, schon die halbe Miete, um damit besser umgehen zu können. Talking about rationality.

Jeder kann natürlich den gesamten Aufsatz verschlingen (durch das Rest habe ich mich ein wenig gequält), aber für die, die darauf keine Lust haben, probiere ich den Einstieg zusammenzufassen:
Wendy Brown beschäftigt sich mit der Entwicklung des Neoliberalismus‘ und dessen Auswirkungen auf unsere heutige Gesellschaft. Sie stellt fest, dass der Neoliberalismus, im Gegensatz zum Liberalismus, die vorherrschende Maxime des freien Marktes über den wirtschaftlichen Raum hinaus auch in andere Bereiche trägt. Politik, Kultur, sowie auch das Individuum unterliegen alle der Logik des freien, selbstregulierenden Marktes – der Mensch als ökonomisch rationaler Entrepreneur seines eigenen Glücks.

Wendy Brown – Neoliberalism and the End of liberal Democracy 

11102016

Kommentare (7)

  1. Schön das du dich getraut hast! Schreiben liegt dir auf jeden Fall 😉
    Ist es schwierig dich auf englisch in der gleichen Weise auszudrücken oder schreibst du generell nur auf deutsch?

    • Hi und vielen lieben Dank! Hmmm, ich habe darüber in den letzten Tagen nachgedacht und bin zu keinem richtigen Entschluss gekommen. Ich müsste es einfach mal ausprobieren und schauen, ob die Texte nach der Übersetzung noch funktionieren. Wahrscheinlich werden sie einfach ein bisschen anders, genauso wie ich mich auf Englisch anders ausdrücke und dadurch eine geringfügig andere Persönlichkeit darstelle als im Deutschen. Wie sieht es bei dir aus?

      Viel Spaß noch im schönen Neuseeland!
      A

  2. Hi Anna,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Ich habe deinen Artikel gerade mit großer Freude gelesen. Ganz toll geschrieben! Besonders dieser Satz gefällt mir: „Ich bekam Angst, dass alle plötzlich machten, nur ich immer noch in meinem Zimmer saß und Instagram stalkte.“ Das kann ich total nachvollziehen, diese Angst hat mich auch schon beschlichen. 😀 Ich bin gerade schon auf dem Weg in’s Bett und etwas kurz angebunden. Werde deinen Blog weiterverfolgen und freue mich auf kommende Artikel.

    LG Clara

  3. Wow! Das hast du wirklich sehr gut geschrieben und ich habe mich an manchen Stellen auch selber wieder gefunden!
    Mach weiter so.
    Ganz liebe Grüße, Marie

  4. Hey Anna! Ja, Schreiben ist dein Ding, das merkt man. Ein schöner, ehrlicher Text, in dem sich sicherlich viele wiederfinden werden. Ich denke aber, dass nicht das „einfach machen“ die Handelsmaxime der Generation Y ist, sondern eher der zwanghafte Selbstoptimierungsdrang. Klar, einfach machen muss man. Wenn du vom Schreiben leben willst, dann muss du oft mal ins kalte Wasser springen und dich angreifbar machen. Ohne, dass du was machst, passiert nichts. Das war wohl schon immer so. Aber ist die Selbstoptimierung dann auch wirklich abgeschlossen, oder geht es immer so weiter und weiter? Denn irgendwen gibt es immer, der noch mehr erreicht und erlebt hat und warum nicht auch man selbst? Das Individuum als Ware, der Fleisch gewordene Kapitalismus.Auf jeden Fall ein Thema, zu dem man viel schreiben könnte. Freue mich auf deinen Blog. 🙂

  5. Schöne und wahre Worte! Den empfohlenen Artikel habe ich gerade ausgedruckt und lese ich jetzt auf meiner Bahnfahrt nach Berlin.

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