Heilig Abend, wir müssen reden.

Morgen Abend ist es soweit, der besinnlichste aller Tage, der Tag der Liebe und Glückseligkeit steht vor der Tür. Seit Wochen treibe ich mich in heimelig geschmückten Cafés, schön beleuchteten Straßen und auf Weihnachtsfeiern mit lieben Menschen rum. Die Vorweihnachtszeit ist mir tatsächlich eine der liebsten des Jahres, das Weihnachtsfest am 24. könnte mir dahingegen durchaus gestohlen bleiben. Von Medien und auch einigen Freunden wird mir vermittelt, dass an den Weihnachtstagen alles ideal sein wird – Familie, Liebe und Glückseligkeit, das schöne Gefühl nach Hause zu kommen, umsorgt zu sein. Ich will nicht sagen, dass das Gegenteil bei mir der Fall ist, aber doch eine deutlich abgewandelte Version. Diese treibt mir, trotz des vorhandenen Bewusstseins über die teilweise bloß scheinheilig ideale Familienfeier, jedes Jahr erneut ein paar Tränchen ins Auge. Man will meinen man gewöhne sich an wiederkehrende Umstände.

Seit meine Eltern sich getrennt haben und dann nach ein, zwei weiteren gemeinsamen Weihnachtsfesten entschieden haben, dass das allerherzlichste Miteinander nun doch nicht mehr der Realität standhält, ist der 24. Dezember ein Tag des Zwiespalts. Bei welcher Elternseite feiern? Sich vollends dem Schein hingeben und brav, beschwippst einen auf Familie machen?
Emotional war und ist mein Weihnachtsfest wahrscheinlich das Gegenteil von dem wie ich es mir in der schönsten Form vorstelle. Anstatt mein Weihnachtsfest mit den engsten Personen, die ich kenne zu verbringen, verbringe ich es zumeist zuliebe einer Person, die mir sehr nahe steht, mit einer weiteren, die wesentlich weiter distanziert ist. Konstellationen, die leider noch nie so funktioniert haben, wie es schön gewesen wäre. Kommen Menschen in Beziehungen ist es manchmal mehr, manchmal weniger, aber zumeist immer der Fall, dass einhergehend eine gewisse charakterliche Veränderung einhergeht – auch meine Eltern wurden davon nicht verschont, was bereits für ein Kind jungen Alters mitunter ein wenig verstörend sein kann. Fühlt man sich dann noch in der Gegenwart des neuen Partners nicht wohl, während der Lebensmittelpunkt der beiden glücklich Verliebten aber genau im Wohnzimmer neben dem Kinderzimmer platziert ist, ist es um das Happy End der Patchwork Familie auch schon geschehen. Das Unwohlsein im Bezug auf die neue Person des Elternteils, wird zur Ablehnung des Partners gemacht und schon ist der Clinch im Dreiergespann geboren. Die möglichen anderen Konstellationen sind wohl vielfältig.
Ein familiäres Gefühl, ein Gefühl der Geborgenheit kommt dann generell schwer auf – vor allem oder eher gerade an Weihnachten. Kann eine ähnliche Gegebenheit an anderen Abenden durchaus erträglich, manchmal sogar in Ordnung sein, steht am 24. meinem Gefühl nach alles ein Stückchen stärker auf dem Prüfstein. Eine Situation, die ich mit bester Laune ansonsten manchmal stemmen kann, ruft in mir – am Abend der Familie – eine große Distanziertheit hervor. Ich kann mich nicht genug belügen, um mir aus diesem Gespann mein Traumweihnachstfest zu basteln. Und mit allem Anderen will ich mich anscheinend nicht zufrieden geben, wohl wissend, dass ich hier auf hohem Niveau meckere. In Zeiten wie heute, in denen besonders dieses Jahr wahrscheinlich erheblich mehr Menschen nicht mit ihrer Familie feiern können, weil diese entweder in einem anderen Land, in einer anderen Stadt oder im schlimmsten Fall nirgendwo mehr sind, kann ich mich mit meinem Los natürlich vergleichsweise glücklich schätzen. Problematisch daran ist nur, dass der Vergleich hier einfach hinkt. Der Gedanke wird mir helfen, den Abend des 24. zu überstehen. Keinesweges wird er aber langen, um meine Grundstimmung zu verändern. Schade, aber leider Realität und eine Erkenntnis, die lange gebraucht hat, mir nun aber hilft den Abend besser zu überstehen und mich nicht noch zusätzlich schlecht fühlen lässt, gerade weil ich mich schlecht fühle.
Glücklicherweise habe ich seit über 10 Jahren eine Freundin, die für unser beider Glück in einem ähnlichen Verhältnis aufgewachsen ist. Ich erinnere mich an Weihnachtsabende, an denen ich mit ihr nach der Bescherung von meinem Zimmer aus stundenlang telefoniert habe. Alleine der Fakt, dass man an Weihnachten alleine in seinem Zimmer ist, finde ich schon falsch. Aus wahrscheinlich verständlichen Gründen, bin ich nämlich ein absoluter Gruppen- und Liebesmensch an solchen Tagen. Aber um ehrlich zu sein, ist diese Freundin mein einziger Anker an Weihnachten. Die meisten meiner anderen Freunde sprechen immer von einer riesigen Vorfreude auf das heilige Fest, an dem die ganze Familie zusammenkommt. Wenn man die zusätzliche Seligkeitsbeschallung in sozialen Netzwerken einbezieht, die in den letzten Jahren wohl genauso zum Teil des Festes geworden ist, wie die zahlreichen Freundes-Dinner im Voraus, meint man endgültig die einzige Unglückliche unter dem (bei uns nicht vorhandenen) Weihnachtsbaum zu sein. Erst in den letzten Jahren habe ich einzelne Menschen kennengelernt, die eine ähnliche Aversion gegen den 24. Dezember haben.
Ich jammere hier auf hohem Niveau – auf die kommenden Tage freue ich mich nämlich teilweise durchaus. In diesem Sinne wünsche ich allen heimlichen Weihnachts-Unliebhaber schöne Tage und vielleicht durch diesen Text ein wenig mehr Balsam für die Seele und die Gewissheit, dass es durchaus in Ordnung sein kann, kein Heiligabend-Fan zu sein. Das einzige was da hilft ist wohl die Augen schließen und durch.

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