Wieso London? Immer wieder London. // London #4

nussknackerIch bin wohl der schlechteste Tourist der Welt. Das war mir vorher schon klar, aber hier in London kann ich es nicht mehr leugnen. 8 Wochen bin ich nun schon hier, 8 Wochen Zeit einiges, einiges zu entdecken. Was mache ich stattdessen? Ich lümmele mich in meinem beschaulichen Peckham ein, gehe in die Bibliothek und verbringe Abende manchmal damit nur Serien zu schauen. Wenn es mir irgendwo gefällt, kann ich mich dort gut und gerne erstmal niederlassen ohne auch nur den geringsten Drang zu verspüren irgendetwas anderes zu tun. Die vergangenen zwei Wochen waren wohl so, über die Themse bin ich nur selten hinausgekommen. Es ist aber doch auch so schön hier!

Glücklicherweise habe ich nun dieses Wochenende Besuch bekommen und damit einen Grund auf Entdeckungstour zu gehen. Ich lasse mich da gerne führen und bekomme auch gerne etwas erklärt. Eine Touri-Eigenschaft kann ich nämlich besonders gut: staunen und begeistert sein. Möglicherweise liegt diese exorbitante Verblüffung, die ich da an den Tag legen kann, aber auch daran, dass ich sonst so ignorant gegenüber der ganzen Möglichkeiten bin. In so Momenten kippe ich regelrecht aus den Latschen und mein Gesicht gleicht dem eines Nussknacker kurz vor dem Einführen der Nuss.

Gestern und heute hatte ich wieder so Momente in denen ich dachte: London, bist du geil. Einfach so. Ganz platt. Nachdem wir gestern bereits eine unglaublich weite Strecke zu Fuß zurückgelegt hatten, nämlich von der Tower Bridge bis Temple, gerieten wir irgendwie auf Grund einer beknackten Großbaustelle vom Weg ab. Waren wir vorher noch im Trubel und deshalb schon ein bisschen Gaga in der Birne, fanden wir uns plötzlich, mitten in London, in einer mystischen Oase der Ruhe und des Müßigganges. Enge Gassen machten plötzlich einer großen klassisch, englischen Rasenfläche Platz, umgeben von Jahrhunderte alten Gebäuden, die schnurstracks aus einem Harry Potter Film hätten stammen können. Keine Autos, lediglich smart gekleidete Frauen und Männer. Hinter den Fenstern meterhohe Bücherregale, holzvertäfelte Kaminzimmer und der ein oder andere Whiskey auf dem Tisch. Wir waren irgendwie in eine Parallelwelt, zu dem sonst so zackigen London, geraten und das mitten in der Stadt. Und hier so durchwandernd mit dem oben beschriebenen Nussknacker-Staunen, wurde mir dann auch eines klar: meine London Affinität entbehrt jeglicher Ratio. London oder ganz Großbritannien ist für mich ein Sehnsuchtsort ohne Gleichen. Einer, der nicht zu ersetzen ist, mit dem ich irgendwann mal so starke Wünsche verknüpft habe, dass diese Stadt alles machen könnte. Ich läge ihr immer noch zu Füßen. Und was das ganze nun noch verstärkt ist wahrscheinlich die Tatsache, dass ich auf die Erfüllung dieser Sehnsucht so lange gewartet habe. Nämlich über zehn Jahre. Mit den Harry Potter Romanen fing es bei mir an: ich wollte die Sprache lernen, ich wollte im Ausland studieren, ich wollte in England studieren, leben. In meiner Kindheit/Jugend bin ich keinem Star verfallen, ich hatte nicht wie eine gute Freundin von mir Orlando Bloom Gesichter in der Diddl-Metallbox kleben. Dafür aber Harry, Hermine und Ron im Herzen. Und irgendwie ist es genau so wie ich es mir vorgestellt habe. Die Unilehre ist persönlicher, herzlicher. Ich habe das Gefühl hier geht es um was, die Professoren sind tatsächlich brennend interessiert, quasi wandelnde Enzyklopädien ihres Fachs. Und London an sich ist alles; beziehungsweise kann alles sein. Aber immer, und das finde ich wirklich, irgendwie immer ein bisschen geheimnisvoll. Seien es die plötzlichen Hinterhöfe wie eben beschrieben, schummrig leuchtende Kaminzimmer oder die Besucher der Pubs, die, zumindest gefühlt, nie touristisch wirken, egal wo man nun ein Pint trinkt, sondern zumeist so, als würden sie schon ewig hier wohnen, die Stadt in und auswendig kennen und gerade über die neusten, manchmal geheimen Entwicklungen sprechen. Vielleicht ist das so. Vielleicht habe ich aber auch gerade ein Schlückchen zu viel Wein getrunken und spüre damit die London-Liebe überspitzt in mir lodern. Aber sie ist da, unbestritten, und ist bis jetzt auch noch keinen Deut kleiner geworden.

07112016

Kommentar (1)

  1. Pinkback: London #5 Die Schattenseite der Selbstverwirklichung // Oder: Schwärmen ist einfach. | Anna Pepperspray

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