Ready for take off, am I? // London #0

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Ich sitze im Arbeitszimmer, beziehungsweise im ehemaligen Arbeitszimmer. Vor circa 4 Jahren habe ich angefangen es peu á peu in Anspruch zu nehmen und es als Zwischenlager für Möbel, Kleidung und andere Dinge, die bei einem Umzug irgendwie nicht mehr mitkonnten, umzufunktionieren.

Ich sitze am Schreibtisch und schaue aus dem Fenster. Im Rücken habe ich das Chaos der letzten sechs Jahre: Halbwegs sortierte Überbleibsel von fünf Umzügen, scheinbar wahllos zu Haufen beisammen geschoben. Mein Hab und Gut. Was soll mit, was kann bleiben? Ein Sinnbild für den Zustand in meinem Kopf. Kommende Woche steht mein Umzug nach London an. Man sollte meinen nach einigen Stadtwechseln, auch ins Ausland, hat sich eine gewisse Routine eingespielt. Doch mit den Erwartungen wächst auch das Chaos. Ein flaues Gefühl im Magen, dass die vergangenen Tage gewachsen ist. Die romantischen Vorstellungen im Kopf, die seit der Zusage an der Goldsmiths University gedeiht sind, werden sich kommende Woche mit der Realität messen müssen. Was wird sich bestätigen, was wird enttäuschend, was wird anders? Und vor allem: habe ich die richtige Entscheidung getroffen?

Ebenso wahllos wie der Sortierprozess meiner materiellen Güter scheint, mutet meine Entscheidung an, nach London zu gehen. Zusammenhangslos liegen dort kleine, unscheinbare Haufen mit unwichtig aussehenden Gegenständen – Nippes – die für mich die Welt bedeuten, neben notwendigen Umzugssachen wie Kleidung, Unterlagen, Nahrung. Was aus meinem Lebenslauf wird in der Rückschau den Unterschied gemacht haben? Nach einem eigentlich sicheren Hafen, genannt Jura und BWL an der Universität Mannheim, wechsele ich nun an eine kleine Universität in London und studiere Postcolonial Studies and Global Policy – Postcolonial what? Non-konsekutiv, etwas völlig anderes als alles was ich bisher gemacht habe. Ein Entscheidungsprozess, der eher von Zufällen als von minutiös geplanten Schritten begleitet wurde, haben mich hierhin geführt. Meine Überzeugung, dass es besser ist zu studieren was mich wirklich interessiert als etwas, dass eine planbare Zukunft verspricht, lässt mich in diesen Tagen irgendwo im Stich. Diese Entscheidung bedarf einer gewissen Portion Mut, Mut in die Zukunft zu vertrauen, in sich selbst und das schon alles gut werden wird. Ich denke, dass ich besser damit leben kann, an einem Traum zu scheitern, als ihn nie geträumt zu haben. Glaube ich. Bei dem Gedanken an diesen Traum schlottern mir die Knie: von dem Gelingen, in welcher Form auch immer, hängt ab, ob ich in Zukunft an dieser luxuriösen Art der Entscheidungsfindung festhalten kann.

Ich hoffe, dass ebenso wie bei meinem Packprozess auch hier alle Steinchen an ihren Platz fallen werden. Auch wenn das Zukunftsmosaik gerade noch ordentlich durchgewirbelt scheint.

07092016

Kommentare (2)

  1. Das ist ja toll geschrieben. Ich dachte gerade ich lese Auszüge aus einem Roman!
    Ich freue mich auch auf deinen Besuch bei mir!
    xoxo & liebste Grüße 💙
    Sina von https://CasaSelvanegra.com

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