Von Goldklunkern und Scheißtagen // Retrospektive Süd-Südamerika

von-goldklunkern-und-scheistagenWenn man alleine die Welt bereisen möchte, muss man sich vorher ein paar mehr oder weniger konstruktiven Nachfragen stellen. Ob man nicht doch mit jemandem reisen möchte oder ob man dadurch nur seiner sozialen Unverträglichkeit hofiert zum Beispiel. Was die Freiheit einem beim alleine Reisen manchmal an Flexibilität schenkt, nimmt sie einem an anderer Stelle wieder mit bitterer Einsamkeit. Momente, in denen man sich selbst hinterfragt, sich für verrückt erklärt und zuweilen auch ein hämisches Grinsen des eigenen Hofnarren zu hören ist: so stark bist du also doch nicht, ha!

Genauso wie das Leben ist auch alleine Reisen nicht schwarz oder weiß, sondern kann durch zig verschiedene, unvorhersehbare Zufälle mal Betongrau oder Hell Rosé sein. Das der Übergang dazwischen fließend ist, hat, zumindest mich, das alleine Reisen ganz nachdrücklich gelehrt. Und das nach Betongrau gezwungenermaßen wieder Hell Rosé kommen muss. Die Frage ist nur wann. Eine reine Geduldsamkeitsübung also. Eine, aus der man wahre Goldklunker fürs echte Leben fischen kann.

Meine beginnt am 31. Dezember. Am Tag zuvor hatte ich meine Reisekumpanen der letzten Tage in die entgegensetzte Richtung verabschiedet. In meiner völligen Selbstüberschätzung meine emotionale Standhaftigkeit an Silvester betreffend, hatte ich mich dazu entschlossen in einer mir vollkommen fremden Stadt, ohne bekannte Menschenseele, Silvester zu verbringen. Man muss dazu wissen, dass ich Eine von der Sorte bin, die um 12 Uhr in der Silvesternacht sehr abergläubisch neben jemand engverbundenem stehen muss, die das vergangene Jahr Revue passieren lässt und an alle wichtigen Menschen im Leben denkt, kurz innehält, um dann bewusst ins nächste Jahr zu starten. Von emotionalem Detachment kann hier keine Rede sein.

Planmäßig sollte ich um 8.30 Uhr am 31. Dezember in Santiago de Chile ankommen, nur um dann vor Ort einen weiteren Bus nach Valparaiso zu nehmen. Weder wusste ich, dass Valparaiso eines der fünf besten Feuerwerke weltweit veranstaltet, noch dass dadurch die circa 750.000 anderen Reisenden mit Ziel Valparaiso die argentinisch-chilenische Grenze überfüllen und Wartezeiten ins unermessliche steigen lassen. So kam es, dass ich statt einer Stunde ganze acht an besagter Grenze verbrachte. 8 Stunden im Morgengrauen. Mitten in den Anden.

War ich während der Wartezeit an der Grenze noch romantisch-abenteuerlich gestimmt, versprechen die etlichen Hitchhiker mit Ziel Valparaiso bei unserer Ankunft am Bahnhof nichts Gutes. Der Busbahnhof von Santiago vollkommen überfüllt, laufe ich von Bude zu Bude auf der Suche nach einem Ticket nach Valparaiso. Man sagte mir, dass ich bei meiner planmäßigen Ankunft um 8.30 Uhr locker eins erhalten würde. Mittlerweile ist es 16.30 Uhr. Und die meisten Fahrten tatsächlich ausgebucht. Nach einer halben Stunde habe ich Glück. Ein netter Herr fischt aus den Abgründen seiner kleinen Ticketbude irgendwoher noch ein Ticket. „Das sei eben zurückgegeben worden“, verkündet er mir und knallt im nächsten Moment die Lade runter: ausverkauft, Feierabend. Ich würde es ihm gerne gleichtun.

Ziemlich gestresst und emotional schon ein bisschen Gaga, komme ich in Valparaiso an und finde wenigstens meinen Host umgehend. Es wird so ein Abend bei dem man am Ende im Bett liegend denkt, dass man das eigentlich alles schon vorher hätte ahnen können und wie man nur so bescheuert sein konnte. Ja, mein Host ist nett und gibt sich alle Mühe, doch bereits die Tränchen, die um 20 Uhr chilenischer Zeit fließen, als alle lieben Freunde in Deutschland auf der selben Party gemeinsam ins neue Jahr starten, trüben die Stimmung. In der „Living the Moment“ Ticket Lotterie hatte ich weniger Glück als am Fahrkartenbüdchen. Was mache ich hier bloß?

Um 2 Uhr ist Schluss für mich. Ich laufe zurück in die Wohnung und kuschele mich in meinen Schlafsack. Bei den Freunden in Berlin ist die Musik immer noch voll aufgedreht und ich fühle mich gerade wohler ein paar Sprachnachrichten zu versenden, als mich in das einheimische Getümmel zu mischen. Der Hardcore Backpacker hätte mich wohl gescholten.

Die kommenden zwei Tage verbringe ich ruhig, besichtige die Stadt und probiere irgendwie damit klarzukommen, dass ich auf den Umstand alleine zu sein überhaupt nicht klarkomme. Mehr als einmal gebe ich die Flugdaten Richtung Heimat ein, doch der Wille zu bleiben ist doch irgendwie stärker. Langsam aber sicher gewinne ich das Gefühl zurück, nicht vollkommen falsch zu sein und gen Ende des zweiten Tages bin ich plötzlich so beschwingt, dass ich mir spontan von einem Passanten eine Zigarette borge.

Es ist ein sonniger Tag mit einer leichten Brise – nicht zu warm und nicht zu kalt. Ein klimatisch perfekter zweiter Tag des Jahres. Ich setze mich in den Halbschatten auf die Stufen mit der Aufschrift „We are no Hippies. We are Happies“ und zünde mir genüsslich meine Zigarette an. Ich sehe das Meer und plötzlich fühlt sich alles richtig an. Ich fühle mich stark, bin im Hier und Jetzt. Ein bisschen stolz, dass mich die miesen Gefühle der letzten zwei Tage nicht in die Knie gezwungen haben. Ich schaue in die Ferne und ein Glücksgefühl sowie die Gewissheit, dass schon alles gut werden wird, überkommen mich.

scan-kopie-22

Zur Feier meines eigenen kleinen Etappenziels auf der Persönlichkeitsentwicklung gönne ich mir einen Smoothie und ein Stück Schokoladenkuchen in einem nahegelegenen Café. Obwohl ich von Familien und Freundesgruppen umgeben bin, fühle ich mich nicht alleine: meine neu gewonnene Zuversicht und ich sind ein erstklassiges Team.

Gerade wollen wir feierlich auf uns anstoßen, sehe ich ein mir bekanntes Gesicht die Cafeterasse betreten: Lucile, eine Französin, die ich kurz auf der Horrorfahrt nach Santiago de Chile kennen gelernt hatte. Im Wirrwarr um Bustickets nach Valparaiso hatten wir uns ohne richtige Verabschiedung und den normalerweise obligatorischen Austausch von Kontaktdaten aus den Augen verloren.

Manchmal belohnt einen das Schicksal genau in den Momenten, in denen man von zuvor tief greifenden Wünschen Abschied genommen hat und zu dem Entschluss gekommen ist, dass alles schon okay werden wird. „Happiness is like a Butterfly. The more you chase it, the more it will elude you. But if you turn your attention to other things, it will come and sit softly on your shoulder“ – Lucile und ihre zwei Freunde setzen sich zu mir. Im ersten Moment fühle ich mich fast ein bisschen in meiner neu gewonnen Autarkie gestört, doch da weiß ich auch noch nicht, dass diese Begegnung die kommenden zwei Wochen in die Superlative katapultieren wird. Die anderen Beiden wollen genauso wie ich auch in den Norden, um von dort nach Bolivien zu gelangen. Wir essen Kuchen, wandern durch die Straßen und genießen den besten Pisco Sour der Stadt, wenn nicht des Landes. Die drei sind so herzlich, dass ich mich mühelos wie unter Freunden fühle. Ich kann gar nicht anders als mich von ihrer Ausgelassenheit anstecken zu lassen. Der Tag endet spät, mit einigen Drinks und vor allem einem riesigen Glücksgefühl im Bauch.

Zwei Tage später treffe ich Thomas und Pauline am Brunnen von San Pedro de Atacama. 1590 km von Valparaiso entfernt, 2400 m über dem Meeresspiegel, nach 30 Stunden Busfahrt. Wir buchen gemeinsam unseren Trip nach Bolivien und verbringen wohl die ausgelassensten 6 Tage miteinander, die man sich vorstellen kann. Tage an denen einfach alles stimmt. Am letzten Tag unserer Reise stehen wir um 3.30 Uhr auf und fahren zur größten Salzwüste der Erde, um dort den Sonnenaufgang mitzubekommen. Wir wandern auf eine kleine Erhöhung inmitten des 10000 Quadratkilometer großen Salzgebiets, haben unsere Lieblingslieder im Ohr und warten auf die Sonne. Zwischen Pauline und Thomas beobachte ich den Himmel am Horizont. Er leuchtet: hellosé.

scan-kopie-8scan-kopie-11scan-7-kopie-3scan-7-kopie-2scan-6-kopie-3scan-3scan-6-kopie-2scan-3-kopie-2scan-3-kopiescan-kopie-3scan-kopie-5scan-5

Kommentare (2)

  1. Wundervoller Text, der mir aus der Seele spricht. Als ich in Viñales, Kuba, war, hat das Heimweh mich zwei ganze Tage lang in Besitz genommen. Alleine habe ich eine Tour zu den Sehenswürdigkeiten rundum gemacht, alleine war ich im Restaurant essen. Alleine bin ich bei gefühlten 40 Grad durch die Straßen gelaufen und habe mich furchtbar einsam gefühlt. Obwohl ich eine super nette Unterkunft bei einer Familie hatte, die ein Casa betrieben hat. Obwohl das Internet in Kuba limitiert ist, habe ich auch Heimflüge gegoogelt und wäre in diesem Moment am liebsten in meiner vertrauten Umgebung, unterwegs mit meinen Freunden gewesen.Einen Tag später war ich dann wieder unterwegs und habe in einem Restaurant gegessen, als der Teil einer lustigen Reisegruppe mittleren Alters sich zu mir setzte. Daraus entstand eine interessante Konversation mit einem Kolumbianer, der in den USA lebt. Am Ende hat ein Brite aus der Gruppe gegen meinen Willen sogar mein Essen bezahlt. Dafür, dass sie sich zu mir setzen durften, was mich sehr gefreut hat.
    Diese zwei Tage waren die einzigen in denen ich mich verloren und alleine gefühlt habe. In den restlichen zwei Wochen wurde ich mit so vielen schönen Begegnungen, Erlebnissen und Eindrücken belohnt.
    Ps. Die Bilder sind wundervoll! Mit welcher Analogkamera fotografierst du?

    • Ganz lieben Dank! <3 Seitdem ich den Text veröffentlicht hab, haben mir mehrere Menschen von ihren persönlichen Schattentagen erzählt – allesamt auch irgendwo wunderschöne Geschichten! Schade, dass die so oft ausgelassen werden. Die Bilder sind alle mit einer Canon EOS 300 geschossen, ansonsten benutze ich aber eigentlich lieber eine Nikon F501, da die Canonbilder schon verpixelt sind. Glücklicherweise "verbessert" der Scan-Prozess die Farbqualität ein wenig. Weiter Fotos findest du bei Instagram unter @annaloglove. Da sieht man teilweise den Unterschied 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.